Schiffsdaten

Pommersche Jagtquatze

Heimathafen: Muglitz / Rügen

LüA: 23 m

Breite: 5,2 m

Tiefgang: 2,3 m

Baujahr: 1899

Segelfläche am Wind: 200 qm

Maschine: Perkins 225 PS

Funk: DJ 3992 / MMSI 211260310

„Ernestine“ hat 12 Kojen und kann bis zu 24 Gäste für Tagesfahrten an Bord nehmen. Das Schiff ist für Fahrten mit Gästen zugelassen und verfügt über ein Schiffssicherheitszeugnis der Dienststelle Schiffssicherheit.

Schiffsgeschichte

Im Juni 1899 lief „Ernestine“ als Seequatze auf der Karl Manthé Werft im pommerschen Wollin vom Stapel. Zwei Jahre später wurde sie unter dem Namen „Hildegard“ in Stettin erstmals als Fischerei-Handelsfahrzeug registriert und segelte damals ohne Hilfsmaschine in der gesamten Ostsee. Eigner war in den ersten Jahren der Fischgroßhändler Martin Stöwahse in Stettin, das Netto-Ladungsvermögen betrug 15 Kubikmeter.

Bis zum 2. Weltkrieg fuhr sie in ihrer ursprünglichen Bestimmung als Fischtransporter, der die Ware lebend von den Fischerbooten aufnahm und in die großen Hafenstädte im In-und Ausland transportierte. Zu dieser Zeit, als es auf den Booten keine Fischkonservierung in Kühltruhen gab und große Teile Pommerns noch nicht mit der Eisenbahn erschlossen waren, wurden Schiffe – wie die Quatzen – gebaut, deren Rumpf mit vielen tausend Löchern versehen war, damit der Fang auf seinen Seewegen ständig mit frischem Wasser umspült wurde. Quatzner waren reine Kauffahrer, die in der gesamten Ostsee unter hartem Konkurrenzdruck standen, denn das schnellste Schiff erzielte den besten Gewinn. Der Beruf geht auf eine sehr lange Tradition zurück, bereits 1270 wurde dieser Schiffstyp in Stettin erstmals beurkundet. Grundsätzlich in Klinkerbauweise mit Spitzgattheck gebaut hatten diese Fahrzeuge zunächst rechteckige Rahsegel, erhielten später schräg geschnittene Segel mit einer Luggerrah und einer Fock, woraus sich dann um 1840 das quatzen-typische Kutterrigg entwickelte, wie es „Oll Korl“ aus Greifswald und „Ernestine“ heute noch fahren, nämlich ein Gaffelsegel mit losem Unterliek (Schotsegel), Spierentopsegel, Fock und Klüver an einem ca. 6 Meter langen Bugspriet. Um die Jahrhundertwende gab es allein in Pommern 178 registrierte Quatzen zwischen 13 und 18 Metern Rumpflänge.

In den 50er und 60er Jahren fuhr „Ernestine“ als „WOG 100“ immer noch in ihrer ursprünglichen Bestimmung von Wolgast und Rankwitz am Peenestrom. Allerdings hatte sie im Krieg ihren Mast eingebüßt und verfügte über eine Maschine sowie ein Ruderhaus, um Fische bis nach Berlin zu transportieren. Eigner war in dieser Zeit u.a. Bootsbaumeister Horn aus Wolgast. Die Entwicklung von Eismaschinen bot nun eine sinnvolle Alternative zur Konservierung des Fangs und für Schiffe wie „Ernestine“ gab es keine Verwendung mehr. Zuletzt lag sie als „Ligger“ – als festliegende Fischkiste – in Wolgast und war dem Verfall preisgegeben.

Hier wurde sie schließlich in den 70er Jahren von Rolf Reeckmann aus Seedorf auf der Insel Rügen geborgen und nach Freest auf die Jahrling-Werft gebracht, wo der Rumpf bis auf wenige Hölzer in Eiche neu aufgebaut wurde, nun natürlich ohne Fischkasten (Deken). 1977 lief sie als „Ernestine“ vom Stapel und erhielt das Schonerrigg sowie einen Loskiel. Dieses Datum wird als zweites Baujahr im Schiffzertifikat angegeben. Die nächsten 2 1/2 Jahrzehnte widmete sich Rolf Reeckmann mit großer Hingabe dem Erhalt des Schiffes und verwirklichte umfangreiche Umbauarbeiten.

1987 folgte in Breege auf Rügen der aufwändige Umbau des Hecks vom Spitzgatt zum Spiegelheck, wobei sie um eineinhalb Meter verlängert wurde und einen kräftigen Ballastkiel aus Stahl bekam. Der Rumpf entsprach jetzt mehr dem Rigg und aus der ehemaligen Quatze wurde ein Schoner.

1996 ist „Ernestine“ an ein Architektenpaar aus Hannover verkauft worden, das das Schiff mit einem Innenausbau ausstattete. Der Sicherheitsstandard wurde für die Gästefahrt angepasst, und sie wurde von der SeeBg als Sonderfahrzeug sowie von der GSHW als Traditionsschiff abgenommen. In dieser Zeit fuhr „Ernestine“ bereits als Charterschiff vor Rügen. Ihr Liegeplatz wechselte von Liddow nach Sassnitz und Damp in Holstein.

2003 wurde „Ernestine“ als Konkursmasse angemeldet und fiel in Glückstadt an der Elbe in einen Dornröschenschlaf.

Im Frühjahr 2005 entdeckten wir – Tilmann Holsten & Nele Hybsier – das Schiff im Hafen von Glückstadt und konnten es als Vertreter des Vereins „Europäische Akademie der Heilenden Künste“ in Itzehoe auf einer öffentlichen Auktion ersteigern. Kurz darauf verlegten wir das Schiff wieder in pommersche Gewässer nach Lassan am Peenestrom, um es dort zunächst notdürftig zu reparieren. 

Seit 2006 fährt „Ernestine“ wieder mit Gästen auf der Ostsee, und wir haben unzählige Reparaturen am Rumpf sowie an Deck durchgeführt.

Im Winter 2006/2007 nahmen wir die Herausforderung an, aus dem Schoner „Ernestine“ wieder einen Kutter mit einem Mast zu bauen, wobei die neue Besegelung der ursprünglichen Form des Quatzenriggs entspricht. Wir ändern die Bezeichnung von zuvor „pommerscher Schoner“ auf „pommersche Jagtquatze“, was historisch die Bezeichnung für Frachtsegler mit Spiegelheck und Quatzenrigg ist.

Im Frühling 2008 begann eine langjährige, qualitativ hochwertige, nachhaltige und freundschaftliche Bauzeit bei Greta und Daniel Weiß in Peenemünde, wobei das Schiff dort zunächst neue Planken am Bug bekommt. Endlich hat man auch im Vorschiff trockene Füße!

Die Wintermonate von 2008 auf 2009 verbrachte „Ernestine“ erneut in Peenemünde. Wir haben uns zu einem radikalen großen Eingriff entschieden: Die Anhebung der Freibordhöhe um einen halben Meter sowie die Begradigung der Decksfläche auf ein Niveau.

Im Frühling 2010 und 2011 wurden einige Decksplanken ausgwechselt sowie der Schandeckel und Schergang rundherum erneuert. Auch diese beiden Slipzeiten verbrachte „Ernestine“ in Peenemünde. Eine wichtige Veränderung stellte für uns die Kürzung des Mastes um knapp 2 m im April 2011 dar. Damit ist die Optimierung des Riggs auf unsere Bedürfnisse hin nach vier Jahren abgeschlossen. 

Im Sommer 2011 gewinnt "Ernestine" die Hanse Sail Regatta nicht nur als schnellster Einmaster, sondern segelt auch die beste Zeit in der Gesamtwertung vor stolzen Schiffen wie Wylde Swan, Twister, Albert Johannes, Oll Korl, Standarth und vielen anderen. 

Vom Sommer 2012 bis zum Frühling 2013 unternahmen wir die vermutlich weiteste Reise, die je von einer pommerschen Quatze unternommen wurde: Lassan - Brest - Marokko - Kanarische Inseln - Madeira - Galizien - England - Lassan. Hervorzuheben wäre, dass wir immer das Gefühl hatten, ein sicheres Schiff unter uns zu wissen und die vielfachen Begegnungen mit Meeressäugern, deren Länge teilweise die Rumpflänge unseres Schiffes übertraf.

Im Mai 2015 verließ „Ernestine“ nach 10 Jahren den Lassaner Hafen, da insbesondere die Zufahrt nicht mehr genügend tiefes Wasser bot. In Lauterbach auf Rügen wurden wir herzlich empfangen und haben hier vorerst einen neuen Hafen gefunden.